Ulmer Aufruf

Verschiedene Hochschulgruppen der Universität Ulm und weitere Kooperationspartner*innen wollen sich vom 6.-12.06.2016 mit dem Thema Rassismus auseinandersetzen, der auch leider noch im 21. Jahrhundert weit verbreitet ist (“... jeder 5. Deutsche ist ... ausländerfeindlich“ aus: Mitte Studie 2014). Wir wollen in einer Gesellschaft leben, in der ein solidarisches, gleichberechtigtes und faires Miteinander aller Mitglieder, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Sexualität, Beeinträchtigung und Lebensweise, möglich ist.

Das Festival Contre Le Racisme, das seit einigen Jahren an vielen Orten in Deutschland stattfindet, ist dieses Jahr mit dem Themenschwerpunkt Antiziganismus auch das erste Mal in Ulm.

Die seit Jahrhunderten in Deutschland lebende Minderheit der Sinti und Roma sind rassistischem und diskriminierendem Verhalten in ganz Europa ausgesetzt. In Deutschland wurde ihre Verfolgung und Ermordung durch das NS-Regime erst 1969 offiziell anerkannt, als das vom BGH 1956 erlassene Urteil, das ihnen eine Entschädigung verwehrte, endlich gekippt wurde. Von Diskriminierung betroffene Sinti und Roma, die nach Deutschland fliehen, bekommen noch nicht einmal ihr Recht auf Asyl, da sie aus sogenannten sicheren Drittstaaten kommen und nicht offiziell staatlich verfolgt werden.

Rassismus zeigt sich in Deutschland auf unterschiedliche Weise. Institutioneller Rassismus auf Ämtern, vermehrende Übergriffe auf Migrant*innen, Geflüchtete oder Asylunterkünfte, wie beispielsweise auch Ende 2015 in Baden-Württemberg in Geislingen und Schwäbisch Gmünd. Rechte Terrorgruppen, wie der NSU, der angeblich unerkannt sechs Jahre lang mordend durch Deutschland ziehen konnte, stehen erst Jahre später vor Gericht. Positiver Rassismus in der Werbung, die Gruppen scheinbar positive Eigenschaften zuschreibt („ruhige Asiatinnen“, „tanzende Afrikanerinnen“), ist alltäglich. Rechtspopulismus tritt wieder verstärkt in der Politik auf, wie die erschreckenden Wahlergebnisse der AfD (Ulm 13 %) zeigen.

Wir wollen mit verschiedenen Veranstaltungen, Vorträgen, Filmen, Ausstellungen und Musikevents ein Zeichen gegen menschenverachtende Einstellungen setzen.

Seien wir realistisch und verlangen wir das Unmögliche!

Bundesweiter Aufruf 2016

Wider den rassistischen Normalzustand

Durchschnittlich brennt jede Nacht mindestens eine Unterkunft für geflüchtete Menschen. Berichte über körperliche Gewalt gegenüber Asylsuchende häufen sich. Denkmäler für Jüdinnen und Juden werden geschändet. Diskussionen über "Grenzsicherung" mit Waffengewalt werden öffentlich geführt. Nicht zuletzt zeigen Wahlerfolge für die Rassist*innen von AfD und Co. deutlich: Über die Anfänge sind wir bereits hinweg.

Täglich wird es kälter; um uns und in der Gesellschaft. Rassismus, Hetze, Ausschluss und Leistungszwang sind feste Bestandteile des grauen Alltags. Die Strahlkraft der Lichtblicke reicht leider nicht aus, um gegen die Verwertungs- und Vernichtungsphantasien brauner Bürgerlichkeit anzukommen. Während für den einen Teil der Gesellschaft die einzige Alternative die Alternativlosigkeit zu sein scheint, rückt auch die sogenannte Mitte nach rechts. Getreu dem Motto „jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“ vereinsamt die Gesellschaft in ihrem Hamsterrad. Wer keine Hürden überwinden muss, sieht eben diese nicht. Und so teilt sich die Gesellschaft in wenige privilegierte Gewinnerinnen und immer mehr Verliererinnen. Diese Verhältnisse produzierten und produzieren Leerstellen. Indem sie Menschen auslösch(t)en, die nun fehlen und sie auch weiterhin ausschließen, ihre Existenz infrage stellen oder bedrohen. Es sind nicht nur diese Menschen, die fehlen, es ist auch die Abwesenheit der Freiheit, die diese Leerstellen verursacht. Wir können weder die Toten wieder lebendig machen, noch der Leere ausweichen. Doch wir können diese Leere analysieren, bearbeiten und den Versuch wagen, sie Stück um Stück zu füllen. Das 13. festival contre le racisme widmet sich genau dieser Leerstelle und einem solchen Versuch. Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus und Faschismus haben leider weiter an Aktualität gewonnen. Wir möchten und müssen Menschlichkeit, Solidarität, Freiheit und Entschlossenheit dagegensetzen. Den Schwerpunkt legt das diesjährige festival contre le racisme auf das Thema Antiziganismus. Antiziganismus ist nicht nur die am weitesten verbreitete Abwertungsideologie, sondern auch die am wenigsten thematisierte. In Umfragen zeigen 83% der Befragten antiziganische Ressentiments. Dieser herrschende Antiziganismus ist das Ergebnis deutscher Kontinuitäten. Der traurige Höhepunkt der Verfolgung von Sinti und Roma war die hemmungslose Hetze und Vernichtung während des NS-Regimes. Doch auch nach dieser einzigartig grausamen Zeit wurden Ablehnung und Hass gegen Sinti und Roma kaum aufgearbeitet.

So zeigt sich in der aktuellen Asylpolitik der strukturelle Antiziganismus Deutschlands und Europas. Die meisten Staaten in Südosteuropa als "sichere Herkunftsstaaten" anerkennend ignorieren Politiker*innen die dortige Verfolgung von Sinti und Roma. Dabei gehören Arbeits- und Schulverbote, rassistische Übergriffe und ein Leben unterhalb des Existenzminimums zur traurigen Lebensrealität der Sinti und Roma. Weitere Eingriffe in die Freizügigkeit, wie die Schließung der Grenzen, verschärfen die Situation noch weiter. Doch auch die Situation der in Deutschland lebenden Sinti und Roma ist häufig aussichtslos, unsichtbar und am Rande der Gesellschaft.

Um Antiziganismus zu verstehen, ist es wichtig, die Vorurteilsstruktur zu analysieren. Nicht zu ignorieren ist hierbei der Zusammenhang von Antiziganismus und kapitalistischer Verwertungslogik; die Vorurteile gegen Sinti und Roma und jenen Personen, die diesen Gruppen zugeordnet werden, beruhen vor allem darin, eben diesen Verwertungslogiken unserer Arbeitszwangsgesellschaft nicht gerecht zu werden. Der hieraus entstehende Hass ist facettenreich und gefährlich. Er steht einer emanzipatorischen und mündigen Gesellschaft entgegen. Darüber hinaus ist die wechselseitige Reproduktion von Kapitalismus und Antiziganismus elementarer Bestandteil dieser Leerstelle. Doch können die verschiedenen gegenwärtigen Herrschaftsverhältnisse nicht singulär betrachtet werden. Daher setzt sich das festival contre le racisme gegen jede Ausgrenzung und Herrschaft ein. Es zeigt dabei den Zusammenhang zwischen den verschiedenen Formen von Diskriminierung auf. Wir laden alle ein, mit uns eine spannende Zeit zu verbringen. Veranstaltungen verschiedenster Arten werden bundesweit stattfinden.